Medienhaus Mittwoch

// Gesellschaftskritik – Vortrag/Film: „Van Gogh TV“

Datum: 23.08.2017 | Zeit: 20:00 Uhr | Ort: Medienhaus Hannover

Van Gogh TVSoziale Medien vor dem Internet. Referent: Benjamin Heidersberger

Van Gogh TV war das erste neue interaktive Medienformat in Deutschland.

Hergestellt wurde es vom legendären Ponton(European Media Art)-Lab in Hannover mit deren Hilfe auch das

Medienhaus Hannover seine Internetaktivitäten begann.

Das 1992 zur documenta IX entstandene Projekt der seit 1986 zusammenarbeitenden Künstlergruppe ‹Van Gogh TV› war ein mediales und kollektives Gesamtkunstwerk (offene Plattform, offenes Atelier, 100 Tage Performance, manifestiert im Fernsehen). Zugleich war es Vorbote des Übergangs von der Ära des traditionellen Fernsehens über das 1992 noch browserlose Internet zum heute realisierbaren IPTV.

Besucher der documenta konnten sich dank der selbst gebauten (DIY) “Van Gogh TV Fernsehmaschine” über Bildtelefone und Kameras, die an verschiedenen Orten in Kassel und in den vernetzten „Piazettas“ installiert waren, in die live ausgestrahlten Sendungen der Piazza Virtuale einschalten. Ebenso war es möglich, sich per Telefon, Fax oder Computermodem sich in die Sendung einzuwählen. Von zuhause steuerbare Roboter- und Überwachungskameras machten das Studiogeschehen transparent.

An den hundert Documenta-Tagen konnten sich Zuschauer täglich mehrere Stunden auf 3sat über 4 Satelliten selbst darstellen und mitgestalten. Ziel des Projektes war die Transformation des Massenmediums Fernsehen in ein interaktives Medium, das die Relation von einem Sender und vielen Empfängern umkehrt.

Der TV-Bildschirm wurde zu einem per Telefontastatur steuerbaren Interface, und die Zuschauer wurden zu Gestaltern des Programms, die hier gemeinsam zeichnen, musizieren, chatten und talken konnten. Trotz des aus heutiger Sicht einfachen Interfaces setzte ein solcher Andrang ein, dass Zuschauer sich stundenlang hartnäckig einwählen mussten, um für ein paar Minuten zum Programmgestalter zu werden.

Die seinerzeit von der Telekom genannte Zahl von bis zu 110.000 Anrufversuchen pro Stunde bezeugt das breite Interesse an dem Projekt. Doch diese Menschen lockte vermutlich die Faszination, von zu Hause aus plötzlich sozusagen im Fernsehen zu sein, selber Teil der Regie, des Geschehens zu sein.

Die Entwicklungen zum Social TV und den per Second Screen vernetzten Zuschauer-Usern wurden damit bereits vorweggenommen. Deshalb könnte man Piazza Virtuale als „soziale Skulptur“ interpretieren. „Hallo, hallo ist da jemand” ruft ein Zuschauer und lotet damit ein für ihn neues und unbekanntes Medium aus. So wurde denn auch die Frage des verantwortlichen 3sat-Intendanten Dr. Walter Konrad „Was werden wir eigentlich sehen?” von Van Gogh TV beantwortet mit „Wir wissen es nicht”.

„The documentation“ – Projekt Van Gogh TV: Piazza Virtuale

Videodokumentation von Utta C. Hoffmann und Van Gogh TV. Produktion: Christoph Dreher, Weltbild Berlin.,

PAL color stereo, 32:30 Min., ©1993 by PONTON European Media Art Lab

Benjamin Heidersberger, geboren 1957. Studium der Physik, Biologie und Informatik (abgebrochen). In Wolfsburg 1978 Mitgründung der Künstlergruppe Head Resonance Company, in Hamburg 1989 des Ponton-Lab und seitdem dessen Geschäftsführer. Interaktive Medienprojekte (Van Gogh TV, Ars Electronica, documenta) in Europa, USA und Japan. 2000 Gründung des Kulturservers, 2002 des Institut Heidersberger. Seit 2011 algorithmische Klavierkomposition Pentatonic Permutations sowie ab 2017 künstlerischer Leiter des Produktionskunstfestivals der Kulturregion Stuttgart. Veröffentlichungen und Vorträge über Computer, interaktive Medien und Gesellschaft.

Die Veranstaltung wird aufgezeichnet!

In Kooperation mit dem NLQ Hildesheim.

Eintritt: frei

 
Lade Karte ...

Veranstaltungsort:
Medienhaus Hannover
Schwarzer Bär 6
30449 Hannover

Kategorien:


Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.