Studie über üstra im Dritten Reich: 788 Zwangsarbeiter im hannoverschen Nahverkehr

Die üstra hat zwischen 1938 und dem Ende des Zweiten Weltkriegs 788 Zwangsarbeiter aus West- und Osteuropa beschäftigt, die unter härtesten Lebens- und Arbeitsbedingungen den Nahverkehr in Hannover während des Zweiten Weltkriegs aufrechterhalten mussten. Auch jüdische Mitbürger wurden zur Zwangsarbeit im Nahverkehr gezwungen und waren den Schikanen und Misshandlungen von Mitarbeitern und Vorgesetzten bei der üstra ausgesetzt. Untergebracht waren die Zwangsarbeiter in zahlreichen Lagern, die die üstra im ganzen Stadtgebiet unterhielt. Dies sind Ergebnisse einer Studie der hannoverschen Historikerin Janet Freifrau von Stillfried, die die üstra herausgegeben und heute in Hannover der Öffentlichkeit vorgestellt hat.

Das Buch mit dem Titel „Ein blinder Fleck. Zwangsarbeit bei der üstra 1938 bis 1945" zeichnet die Rolle und das Selbstverständnis der üstra als Teil des nationalsozialistischen Wirtschafts- und Herrschaftssystem im Dritten Reich nach. So erhielt dasUnternehmen im Juli 1940 das „Gaudiplom für hervorragende Leistungen". Die Arbeitnehmerschaft der üstra wurde – ihrer Gewerkschaften beraubt – als „Gefolgschaft" in der Deutschen Arbeitsfront gleichgeschaltet.

Bericht von h1

http://www.youtube.com/watch?v=2_p_JEpdKuw

Kamera: Ana Otstavnova
Redaktion: Sören Köpke 

http://www.youtube.com/watch?v=2_p_JEpdKuw

Der Einsatz jüdischer sowie ost- und westeuropäischer Zwangsarbeiter bei der üstra wird anhand historischer Fotodokumente sowie zahlreicher Schilderungen von Augenzeugen und Opferneindrücklich und ergreifend geschildert. Auch die Rolle der üstra als Transportmittel beim Einsatz von Zwangsarbeitern und bei der Deportationvon Juden im Rahmen der „Endlösung" wird in der Studie untersucht.

„Die üstra wird in diesem Jahr 120 Jahre alt", erklärte André Neiß, der Vorstandsvorsitzende der üstra, die Motive des Unternehmens, „bei der Vorbereitung zu diesem Jubiläum haben wir festgestellt, wie wenig wir heute – 66 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs – immer noch über die üstra im Dritten Reich wissen. Die Beschäftigung mit diesem dunkelsten Kapitel der Unternehmensgeschichte soll deshalb ganz bewusst am Beginn dieses Jubiläumsjahres stehen", betonte André Neiß. Man habe sich sehr gefreut, mit Freifrau von Stillfried eine auf diesem Gebiet sehr renommierte Historikerin gefundenzu haben. Sie hat die Studie vollkommen unabhängig abgefasst, die üstrahat ihr einen uneingeschränkten Zugang zum gesamten Unternehmensarchiv ermöglicht und sich ansonsten völlig auf die Rolle des Herausgebers beschränkt.

„Jede Beschäftigung mit der Nazizeit kann nur unter der moralischen Forderung ‚Nie wieder!‘ stehen," erklärte Wilhelm Lindenberg, im Vorstand der üstra verantwortlich für Betrieb und Personal. „Die Studie soll heutige und künftige Generationen von Beschäftigten der üstra ermahnen, unsere freiheitliche Demokratie zu verteidigen und jeder Form von Rassismus eine klare Absage zu erteilen",betonte Lindenberg, „insbesondere unseren Auszubildenden legen wir dieses Buch ans Herz und werden die Beschäftigung damit im Rahmen der Ausbildung fördern."

„Diese Publikation wendet sich bewusst an Leser, dienoch keinen genaueren Einblick in das Thema Zwangsarbeit haben", erklärte die Autorin Janet Freifrau von Stillfried bei der Präsentation.Daher gibt diese Veröffentlichung einen groben Überblick über die Formen der Verfolgung, deren Zusammenhänge und stellt den Bezug zur üstra und zur regionalen Perspektive her. „Ich wünsche mir, dass die Publikation als erster Schritt dient, dieses sehr komplexe Thema zu verstehen, sich dafür zu interessieren und sich weiterführende Vertiefungsebenen zu erarbeiten", sagte die Autorin.

Mit einer kleinen Ausstellung über die üstra im Dritten Reich, die ab Februar dieses Jahres an verschiedenen Unternehmensstandorten gezeigt wird, soll Mitarbeitern und Besuchern derüstra Einblick in dieses Thema gegeben werden.

Das Buch „Ein blinder Fleck. Zwangsarbeit bei der üstra 1938 bis 1945" von Janet Freifrau von Stillfried wurde von MichaelNarten gestaltet und ist zum Preis von 16,95 Euro ab sofort im hannoverschen Buchhandel sowie im Kundenzentrum der üstra am Platz der Weltausstellung erhältlich.


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