Neues von Lindemann & Stroganow

Und am 4. Mai ist Weltfischbrötchentag an der Ostsee

von Kersten Flenter

Immer am Monatsende öffne ich mein kleines analoges Notizbuch und verschaffe mir einen Überblick darüber, welche der trübsinnigen Handlungen von Menschen in der Welt da draußen und Linden es wert sein könnten, kommentiert oder zumindest erwähnt zu werden, und seit geraumer Zeit stelle ich fest, dass die Schere zwischen der Anzahl von Ereignissen und ihrem Unterhaltungswert immer weiter auseinanderklafft. Ein paar Kapuzenjungs machen noch keine Schwalbe und ein Uli Hoeneß macht noch keinen Sommer oder so. Alles was Menschen tun, in Linden und anderswo, bekommt für mich immer mehr die Konsistenz eines zähen, klebrigen Breis, den man unartigen Kindern serviert. Und die Zutaten dieses Breis sind keineswegs vegan, sondern leidlich fleischlich. Zusammenhänge herstellen, das lernte ich Anfang der Neunziger Jahre eines anderen Jahrhunderts noch von Oskar Negt, ist die wichtigste Schlüsselqualifikation des Lernens überhaupt. Etwa zur gleichen Zeit habe ich aufgehört, irgendetwas dazu zu lernen. Ich bin frühjahrsmüde, und das seit über 20 Jahren. Weil ich ständig Zusammenhänge herstellen muss, die außer mir nur Stroganow sieht. Manchmal führt das auch zu Missverständnissen.
Als Mittelschmidt neulich kurzfristig Grundsicherung für Arbeitssuchende nach SGB II bezog, haben Stroganow und ich ihm sofort die Scheibe seines Schlafzimmers eingeworfen, weil er mit seinem Bezug staatlicher Sozialleistungen die Notwendigkeit des Staates untermauerte. Die meisten Passanten pöbelten uns dafür an, wir stießen auf totales Unverständnis, einfach, weil die Menschen nicht in der Lage waren, diesen doch offensichtlichen Zusammenhang herzustellen. Es gab hitzige Diskussionen, und in deren Zuge erkannten Stroganow und ich, dass wir uns auch mal irren konnten. Denn Mittelschmidt hat ja gar nichts gegen den Staat, also durfte er sich auch von ihm bezahlen lassen. „Tschuldige, dass wir deine Fensterscheibe gesteinigt haben, Mittelschmidt“, sagte Stroganow, er ist so merkwürdig sanft und versöhnlich in letzter Zeit. Aber Mittelschmidt war nicht zufrieden, wir sollten doch mal drüber nachdenken, ob sich unsere Wut gegen die Richtigen wendete. Aufforderungen zum Nachdenken finde ich immer doof. Der Mensch ist nicht zum Nachdenken gemacht sondern zum Biertrinken. Alles andere ist Ersatzhandlung, die Armut von Menschen mit Kommunikationsbedürfnis. Und Mittelschmidt irrt, wenn er bei Stroganow und mir Wut als Handlungsmotiv unterstellt. Es ist vielmehr dieses vage Gefühl zwischen Sehnsucht und Müdigkeit, das mich umtreibt und gleichzeitig lähmt. Ich sehne mich nach jemandem, der mich mit seinen Gedanken und Handlungen überrascht, der nicht den einen Daumen im Mund und die andere Hand unter der Bettdecke hat, wenn er redet. Das Ende der Langeweile. Wie schön wäre das denn?

Himmeliswatchingyou

Von Hans-Jörg Hennecke

Natürlich können wir nicht wissen, wie der Herrgott den Himmel gestaltet hat. Er ist ein großer Geheimniskrämer, der niemanden über den Rand schauen lässt und von Mitbestimmung kann schon gar keine Rede sein. Wissen gibt es nicht, dem Menschen bleibt allein der Glaube. Trotzdem hat Lindemann seine eigene Philosophie von diesem wichtigen Abschnitt der persönlichen Zukunft. Er stellt sich den Himmel als eine Art höhergelegte vor. Da flanieren bei durchweg schönem Wetter Mama und Papa zur Eisdiele, zuweilen begleitet von Onkel Rudolf und Tante Ilse. Für den notwendigen Service stehen Engel zur Verfügung, für das Zurechtfinden im Gottesstaat sorgen himmlische Kontaktbeamte. Allerdings gibt es hier eine Unwägbarkeit, die Lindemann äußerst unangenehm ist. Er sieht seine Altvorderen zwar nicht, aber er ahnt sie wandeln – und wie ist das umgekehrt? Seit einiger Zeit fühlt sich Lindemann von oben beobachtet, da fallen ihm sperrige Sinnsprüche von anno dunnemals ein. Er weiß ziemlich genau, was sein Vater sagte, als er den ersten Fünfer im Zeugnis nach Hause brachte. „Na gut, wirste eben Straßenfeger“, hat er verkündet. Aus heutiger Sicht eine Aussage ohne Drohkraft. Schließlich sind die Jobs bei „aha“ mächtig gefragt, weil krisenfest. Wenn Lindemann am Abend das dritte Bier und den zweiten Wodka bestellt, bekommt er zuweilen Gewissensbisse. Nicht weil seine Leber etwa eine sichtbare Ausbuchtung am Bauch verursacht. Es sind eher die absehbaren Kommentare von Vater und Mutter („Alkohol macht dumm“), sowie Tante Ilse („Nicht in meiner Wohnung“), der er an einem Weihnachtsabend vor gefühlt annähernd hundert Jahrennach dem Genuss einer kleinen Flasche Eierlikör in den Tannenbaum reiherte. Schwatzhaft wie die Alten sind, haben sie alle einschlägigen Erlebnisse mit Lindemann dort oben vermutlich längst weitergetratscht. Wenn Lindemann dereinst eintrifft, erbebt die höhergelegte Limmerstraßein einem Sturm von Gelächter und alles zeigt mit Fingern und Engelsflügeln auf ihn. Diese Gedanken hemmen Lindemann in seiner Bewegungsfreiheit. Schwarzfahren oder Rotgang über die Ampel kommen schon gar nicht mehr in Frage. Das himmlische Gegrummel würde vermutlich sofort Scharen von Kontrolleuren auf den Plan rufen. „Wir kommen alle, alle in den Himmel“, sangen die Alten bei ihren stimmungsvollen Geburtstagsfeiern. „Weil wir so brav sind“, hieß die rhythmische Begründung. Dabei war das reine Propaganda. Lindemann hat Onkel Rudolf beobachtet, wie er vor dem Autoverkauf den Kilometerzähler zurückschnurren ließ. Oder seinen Vater, wie der jährlich seine Steuererklärung frisierte. Aber die Alten haben ihre Absolution. Vergebung der Sünden, Auferstehung und ewiges Leben. Und Lindemann steht da, mit beiden Beinen im Leben, ächzend unter der Last der Erbsünde, dazu addiert seine eigenen Verfehlungen. Die Bibelworte „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“, sind bei ihm angekommen. Hoffentlich reißen ihn die Alten nicht durch dumme Sprüche da oben rein. Lindemann glaubt zu wissen: Der Herrgott kann sehr zornig werden.

Video: Christine Kraatz-Risch – Musik: Wohnraumhelden


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