Mit Ursula von der Leyen auf dem Lindener Marktplatz

Gegenfünf vor zehn treffe ich einen besorgten Zensurgegner in der Nähe desCDU-Stands. Er hat zwei Schilder dabei, kann aber nur einesgleichzeitig hochhalten. Also bin ich nett und nehme ihm eines ab.Darauf steht sinngemäß, dass man kriminelle Inhalte löschen und dieUrheber bekämpfen soll, anstatt sie einfach per DNS-Sperreauszublenden. Ein paar weitere Bürger gesellen sich zu uns, mancheebenfalls mit Schildern. Das Standpersonal ignoriert uns noch. Um zehnUhr taucht Ursula von der Leyen auf, direkt hinter ihr eine Delegationder Piratenpartei. Jetzt muss sie direkt auf uns zu gehen – Schilde(r)hoch!

Verdammt, ich habe einen schlechten Platzerwischt! Genau genommen den Schlimmsten. Ursula setzt ihrStandard-Lächeln auf, marschiert direkt auf mich zu und reicht mir die Hand. "Sie sind also für die Päd…… hier!"

Ich setzt dasselbe Standard-Lächeln auf, schüttle höflich ihr Händchen und antworte laut und deutlich: "Ich bin dafür, dass alle Ressourcen eingesetzt werden um die Täter zu verfolgen, und kein Geld verschwendet wird."

Sie schaut weg, nuschelt etwas wie "Es wird auch kein Geld verschwendet" und wendet sich ganz schnell dem nächsten Demonstranten zu, der sich auf sowas wie eine Diskussion einlässt.

Weilmich das Gespräch interessiert, bleibe ich in der Nähe stehen. ZweiFotografen gehen mir aber so auf den Nerv, dass ich mein Schild aufAugenhöhe halte. Denn dass ich heute fettige Haare habe, mussschließlich nicht in zehn Jahren noch abrufbar sein. Auf einmal ist"Zensursula" total gegen diese Form der Selbstzensur: Wie eineKindergärtnerin schiebt sie das Schild nach unten und meint, ich sollemich nicht so anstellen. Ich lasse das Schild los, sobald der Haltestabden Boden berührt. Tja, jetzt hat sie das Ding allein in der Hand!Schöner Anblick… Als sie das Schild zur Seite stellen will, hole iches mir zurück und das Spiel beginnt erneut. Kurz darauf habe ich eswieder geschafft, dass Ursula das "Wegschauen stattLöschen?"-Protestschild selber gut lesbar in der Hand hält. Während derDiskutierer auf sie ein redet, verschwinde ich unauffällig aus derRunde.

Ein paar Minuten später startet FrauMinisterin zum Marktplatz-Rundgang. Was bei der Konkurrenz ganz lässigablief, wird hier zur Straßenblockade: Ein langer Treck ausMenschenrechtlern, "Piraten" und Privatfotografen wälzt sich hinter ihrher, "Team Deutschland" geht regelrecht unter. Auf einmal tauchen zweiPolizisten auf. Sie behaupten, eine unangekündigte Versammlung zusehen, und nehmen Personalien diverser Besucher auf.

Hatdie CDU ihre Aktion etwa nicht korrekt gemeldet? Auf ihrer Website hatdie CDU Linden-Limmer ihren Wahlkampf-Stand und den Besuch derMinisterin angekündigt, sowie alle Bürger eingeladen. Die Bürger sindgekommen, quasi als Gäste der CDU. Wenn dies eine nicht angekündigteDemonstration ist, so kann das aus meiner momentanen Sicht nurbedeuten, dass die CDU sich nicht korrekt angemeldet hat. Ich binentsetzt!

Die Beamten arbeiten sich von hinten nachvorne durch Ursulas Gefolge, schreiben einen Ausweis nach dem anderenab. Ich bin längst vorgelaufen und lasse den Zug auf mich zu gehen.Bevor ich in Sichtweite der Polizisten gerate, lehne ich das gelieheneSchild an eine Hauswand, damit niemand denkt ich würde zu irgendeinerDemo oder gar zur Piratenpartei gehören.

Ein junger "Pirat" quatscht mich an, wann wir uns denn "das nächstemal sehen".Weil ich ihn nicht erkenne, rate ich ins Blaue, dass er mich höchstensvom OpenChaos kennen kann und sage was vom Mittwochstreffen. Er hatkeine Ahnung, was ich meine. Nach einigem Hin und Her wirdoffensichtlich, dass er mich gar nicht kennt und nur sondieren wollte,wo er mich wiedersehen kann. Und das, obwohl ich heute fettige Haarehab… Auf dem Weg zurück zum CDU-Stand taucht ein ebenso fremder, aberweit weniger hübscher Herr auf und zählt zig gesellschaftspolitischeAspekte auf, in denen er Frauen bevorzugt und sich als Mannbenachteiligt sieht. Ich missbrauche ihn als SmallTalk-Training undmache mir nebenher ernsthafte Gedanken über meine Ausstrahlung.

Frauvon der Leyen muss bald weiter, vielleicht um sich in Kirchrode mitzukünftigen Boehringer-Opfern zu zoffen. Mit ein paar anderenStrafverfolgungsbefürwortern bleibe ich am CDU-Stand stehen. Dortschieben gerade ein älterer Herr und eine mittelalte Dame Dienst. DerHerr verliert aus mir unbekanntem Grund die Beherrschung, schimpft wildauf uns ein und wirft uns wechselweise vor, getarnte Mitglieder derPiratenpartei zu sein, perverse Neigungen zu haben (Zitat: "K*nderf*cker")und den militanten Tierrechtlern anzugehören. Ein parteiloserBürgerrechtler versucht ihn verbal zu beruhigen, redet aber gegensprichwörtlichen Beton.

Schließlich entwickelt sich ein vernünftiges Gespräch mit der Dame. Sie ist der Ansicht, "das ganze Internet" solle "durchzensiert"werden. Ich frage. ob sie selbst einen Internet-Zugang besitzt und wassie sich so anschaut. Daraufhin erzählt sie von ihrer Fotogruppe aufdem Lokalportal "MyHeimat". Sie schweift ab, um von Hobbyfotografen zuerzählen, die ihrer Meinung nach völlig belanglose Bilder dorteinstellen würden. Zu meiner Bemerkung, dass diese Fotos vielleicht demUrheber persönlich etwas bedeuten (Stichwort "Kunst"), meint siesinngemäß, dass man sowas ja nicht unbedingt veröffentlichen müsse.Obwohl ich langsam Angst bekomme, lenke ich das Thema zurück aufkriminelle Inhalte und die Frage, ob man deren Löschung durchsetzenoder dem Volk schlicht Wegsehen verordnen solle. Sie bleibt dabei, dassman die (mehr oder weniger) neuen Medien streng regulieren solle. Schonsind wieder alle in ihrem Element!

Coco lehnt sichgeistig zurück und verfolgt die Schau. Die Dame von der CDU spricht nunmit einer jungen Mutter. Schräg zwischen den beiden Beinpaaren stehtihr Kinderwagen, darin ein höchstens zweijähriges Mädel. Als die Muttersich für freie Medien ausspricht, ruft die Politikerin ihr über denKinderwagen hinweg ins Gesicht, dass sie für Pädo***** und Kinderp*****wäre. (Ich erlaube mir, solche Dreckswörter aus meinem Blog zuverbannen; seht es als freiwillige Selbstzensur.) Peinlich berührt vonsolchem taktischen Totalversagen schaue ich nach unten … das Babylächelt noch – oder lacht es sich kringelig? Auf jeden Fall zeigt es indieser ätzenden Menschenmenge tausendmal soviel Selbstbeherrschung wiedie zigmal so alte CDU-Frau.

Bevor das Niveau aufErdöl stößt gehen wir lieber. Ich schaue noch schnell am Stand derGrünen vorbei, wo Gratis-Bionade verteilt wird. Auf dem Heimweg fallenmir diverse Dialoge wieder ein, aufgrund derer ich einzelneCDU-Mitglieder wegen Beleidigung, übler Nachrede und Rufmord verklagenkönnte – allen voran Ursula von der Leyens Grußworte mir gegenüber. Hatdiese Frau sich überhaupt noch im Griff? Kann sie einem sachlichenArgument gegen ein von ihr initiiertes Gesetz nur noch mit brutalenBeleidigungen begegnen? Alles in allem war ihr Auftritt extrem peinlichfür die ganze CDU. Danke! Immerhin weiß ich jetzt, was ich nicht wählen werde.

SonntagNachmittag. Endlich habe ich mal wieder Schicht im NABU-Haus. Die Sonnescheint auf die Leinemasch, gegen Abend ist die Ausstellung vollerFamilien. Wie immer wollen die Kleinen nicht wieder raus – alles kaufenwollen sie natürlich auch, aber die Omas haben nie genug Geld dabei.Kurz vor Feierabend höre ich ein Kind zum anderen sagen: "NABU ist voll gut, ne?"Ja, finde ich, hier ist es voll gut. Schade, dass man uns nächstenSonntag nicht wählen kann. Aber jeder darf nach dem Wählen zurObstplantage Hahne nach Gleidingen kommen. Dort ist Hoffest. Mit großemNABU-Stand.

Quelle: http://blogs.myspace.com/index.cfm?fuseaction=blog.view&friendId=101376225&blogId=511146507

Bilder von der Aktion kan man sich bei flickr ansehen: http://www.flickr.com/search/?q=leyen+lindener+markt

Wer mehr zum Thema Internetsperren wissen möchte, dem sei folgender Video ans Herz gelegt.

www.rettedeinefreiheit.de

Ganz einfach und anschaulich wird dargestellt wie unsinnig dieses Gesetz ist und das es eher schadet als nutzt.


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