Lindemann & Stroganow: Tränen der Freude in Mehmeds Pizza Burger

Tränen der Freude in Mehmeds Pizza Burger

Der Himmel verdunkelt sich und ein schwarzer Schatten fällt in MehmedsPizza Burger. Ein Mann betritt das Schnellrestaurant. Er isthochgewachsen und sein Äußeres verdächtig unauffällig. Er trägtSandalen, einen Schottenrock, ein T-Shirt mit israelischer Flaggedrauf, darüber ein Nadelstreifensakko. SeinGesicht verschwindet hinter einem gewaltigen schwarzgrauen Rauschebart.Auf dem Kopf trägt er eine Ferrarikappe, aus deren Öffnung amHinterkopf ein blonder Pferdeschwanz lugt. „Du wirst hier nichtbedient“, sagt Mehmed. „Wieso nicht?“, will der Kunde wissen. „Wir sindausverkauft“, sagt Stroganow. Ich blicke den Eindringling an. Ganzklar, ein Nazi. Das hat Mehmed gleich erkannt. „Auch kein Lahmacunmehr?“, fragt der Nazi. „Nichtmal mit Sauerkraut“, sage ich.Der Nazi beginnt zu weinen. „Also gut“, sagt Stroganow, „du bekommsteinen Döner, wenn du einen kleinen Intelligenztest bestehst. Beruhigedich, wir fangen mit etwas leichtem an. Los, Nazi, stell dich auf einBein und schließ die Augen. Wenn du das 30 Sekunden schaffst, kriegstdu schon mal ein Salatblatt.“Der Nazi hebt das rechte Bein und fällt sofort um. „Wusst ich’s doch“,sagt Mehmed, der kann nur Armheben, mit allem anderen ist derüberfordert.“Wir ziehen den Ohnmächtigen an den Sandalen aus Mehmeds Laden und legenihn zum Ausschlafen in die Sonne. Stroganow legt noch eine Scheibe Käsedrauf.
„Mir macht das schon ein wenig Sorge“, überlege ich, sollten wir ihnnicht lieber ins Tierheim bringen?“ „Die nehmen ihn nicht“, sagtStroganow, „zu schwer vermittelbar.“ „Immerhin braucht er keinenAuslauf“, gebe ich zu bedenken, „ein gesicherter Balkon würde reichen.“„Ich glaube, du machst dich über Nazis lustig“, sagt Mehmed. „Was dennsonst“, erwidere ich, „soll ich etwa vor Angst erstarren? Hohn undSpott sind immer noch die wirkungsvollsten Waffen gegen die Dummheit.Es gibt viel zu wenig Naziwitze in diesem Land.“ „Ich kenn einen“, sagtMehmed, „passt auf, der kürzeste Naziwitz: kommt ein Nazi nach Linden!“
„Super“, sagt Stroganow und biegt sich vor Lachen. Tränen kullern seineunrasierten Wangen hinab. Rührend. „So, jetzt aber mal wieder imErnst“, sagt Mehmed, „was wollt ihr denn eigentlich essen?“ Ah, fasthätten wir vergessen, warum wir hier sind. „Pommes Salbe“, sagtStroganow. „Mit Salatgarnitur“, ergänze ich, und nehme mir einen Ayranaus dem Kühlschrank. Draußen überbackt ein Nazi in der Sonne.

von Kersten Flenter

Die Axt im Haus erspart die Fernbedienung

Lindemann staunt über die wachsende Vielzahl vonVersandhandelsbroschüren die vorgeben, für ihn ganz persönlich gedrucktworden zu sein. Denn da steht infetter schwarzer Schrift „Lieber Herr Lindemann“ und es kommt einAngebot technischer Spielzeuge aus der Kategorie „supergünstig“. Hiergibt es nichts, was es nicht gibt. Wer beim Essen die Bundesligaschauen möchte, ordert den Suppenteller mit eingebautemPremiere-Programm. Das kommt für Lindemann allerdingsnicht in Frage, ist er doch Gulasch-Suppen-Fan und vermutet, gelbeTrikots und schwarze Hosen hätten da keine durchdringende Wirkung.
Praktische Dinge aus Lindemanns Erfahrungsschatzgibt es bei modernenVersandhäusern nur noch in Kombi-Variante. Jüngst stellte er fest, dassseine heimische Axt im Werkzeugschrank nach jahrzehntelanger Treueheftig Rost angesetzt hatte und dringend eines Austausches bedurfte.Braucht ein Haushalt eine Axt? Die Alten unkten, sie erspare denZimmermann und frühere Witzbolde wagten gar den makabren Tip: Die Axtim Haus erspart den Scheidungsrichter. Das, allerdings, ist nichtLindemanns Niveau.
Für Lindemann ist die Axt ein Allzweckwerkzeug, wobei die verkürzteVariante, Beil genannt, auch praktikabel ist. Man kann damit klemmendeKühlschranktüren zur Räson bringen, Dosen nach Abbruch derÖffnungsringe zugänglich machen, übergroße Altgeräte zur Entsorgungportionieren oder Bilder im Wohnzimmer annageln. Das Wissen über diesepraktische Tätigkeit ist den Menschen abhanden gekommen. Jeder weißzwar, wie man einen Computer programmiert oder sein Handy zum Bestellender nächsten Bierrunde einsetzt, aber eine Axt? Nein, eine Axt besitzensie nicht einmal.
Nun stellt Lindemann fest, dass die Witzbolde dieses Feld nichtaufgegeben haben und Äxte in neuen Varianten anbieten. Die goldene Axtfür sicherheitsbewusste Kapitalanleger. Lindemann warnt: Gold ist vielzu weich für einen praktischen Einsatz. Oder die Axt mitInternet-Anschluss und Dolby-Sound, um Opern in ihrer ganzenKlangqualität zu erleben. Eine modische Axt muss wohl auch denKalorienverbrauch bei ihrem Einsatz messen und regulieren können. Abernicht bei Lindemann. Der sagt: Axt muss Axt bleiben. Da will er keinenBeipackzettel vorfinden, der in gewundenem Deutsch warnt: „BeiEinschalten nicht Strom anfassen. Haare können spalten.“ Denn dannhandelt es sich in aller Regel nicht um ein Produkt, das nachverlässlichen Haftungsbedingungen in der Europäischen Union gefertigtwurde.

von Hans-Jörg Hennecke


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