Linden zu Fuß
Jacobsstraße 10
Büro Dr. Schumacher
Wiederbeginn der SPD 1945
Da das Gewerkschaftshaus und das Volksheim in der Stadtmitte durch Bomben zerstört waren, richteten Sozialdemokraten 1945 in der Jacobsstraße 10 ihr Büro ein. Hier residierte Dr. Kurt Schumacher, der spätere Partei vorsitzende der SPD.
Das Büro blieb bis zur Parteigründung im Mai 1946 in der Jacobsstraße. Erst danach fand der Umzug in die Odeonstraße statt. Ebenfalls im Haus Jacobsstraße 10 befand sich in der Wohnung des Tänzers Maxim Bosse das Parteibüro der KPD.
Dr. Kurt Schumacher, in Westpreußen geboren, Reichtagsabgeordneter aus Württemberg ("Der Nationalsozialismus ist der Appell an den inneren Schweinehund") kam nach der Entlassung aus dem KZ nach Linden, weil seine Schwester hier wohnte. Er arbeitete bis zum Kriegsende bei der Firma Sichel.
Der SPD-Bundestagsabgeordnete Erwin SchoettIe erinnert sich an seine erste Begegnung mit Kurt Schumacher in Hannover. Anfang Oktober 1945 war er gemeinsam mit Erich Ollenhauer und Fritz Heine aus dem englischen Exil nach Deutschland zurückgekehrt (während Werner Blumenberg keine Heimkehrmöglichkeit aus Holland erhielt).
"Unser erste Berührung war der Besuch in der Jacobsstraße in Hannover im Büro Schumacher, wie damals die Organisationszentrale der sozialdemokratischen Partei sich nennen musste, weil die Besatzungsmacht einen anderen Namen nicht erlaubte. Dort sahen wir Kurt Schumacher zum ersten Mal nach 12 Jahren wieder. Für mich, der ich als Stuttgarter Parteisekretär bis in die Illegalität hinein mit Schumacher eng zusammengearbeitet hatte, war diese Begegnung ein erschütterndes Erlebnis, aber auch zugleich eine große Hoffnung, dass hier eine politische Elementarkraft am Werke war, die noch ungeordneten Reihen der Partei zusammenzufassen und ihr eine geistige Führung zu geben. Anderntags, am 5. Oktober 1945, fuhren wir nach Kloster Wennigsen. Dort versammelten sich in einem nicht gerade schönen, aber doch unzerstörten Wirtshaussaal die sozialdemokratischen Delegierten. Es war zunächst ein einziges großes Wiedersehens fest von überlebenden aus der großen Katastrophe des 3. Reiches. Die ersten Fäden zu den alten Wirkungsstätten in der Partei wurden geknüpft, Erinnerungen ausgetauscht; Fragen nach anderen alten Freunden, nach den Angehörigen, nach dem Verbleib dieses oder jenen braven Mitstreiters aus der Zeit vor 1933 gestellt und beantwortet. Und so schloss sich über alle Verbote und Gebote der Besatzung hinweg um die Teilnehmer dieser ersten Konferenz das Band einer gemeinsamen Gesinnung, die unzerstörbare Grundlage der neuen Parteiorganisation."
Volksheim an der Gartenallee
(Saalbau Sander)
1902 wurde an der Gartenalle/Ecke Jacobsstraße das Volksheim errichtet, als Vereinsheim des Arbeiterbildungsvereins von 1895 zu Linden. Das Volksheim war Treffpunkt der Arbeiterbewegung und der Lindener Kulturvereine. Nach 1918 wurde das Haus vom Arbeiterbildungsverein an die Stadt Hannover verkauft (1922). Das Volksheim war danach unter dem Namen Saalbau Sander bekannt. Nach 1933 wurde hier eine Art Berufsschule eingerichtet. Das Gebäude fiel im 2. Weltkrieg den Bomben zum Opfer und wurde nach 1945 nicht wieder errichtet.
Um 1956 begann vor allem der Kulturkreis Linden (Fred Grube), ein neues Volks heim zu fordern. Daraus entstand schließlich die Planung, das Freizeitheim Linden zu bauen.
Leinertbrücke 1920 wurde Linden mit Hannover vereinigt (eingemeindet). Nach dem damaligen hannoverschen Oberbürgermeister Robert Leinert (SPD) wurde die Brücke benannt. Im Ausgleich wurde auch der damalige Lindener Bürgermeister Lodemann mit einer Brücke "bedacht". Sie befindet sich in der Masch, in der Nähe des Stadions.
Das Heizkraftwerk
Von vielen Lindenern scherzhaft die drei warmen Brüder genannt. Schließlich sind die drei riesigen Schornsteine weithin sichtbares Zeichen für die Anlage. Erbaut wurde das Heizkraftwerk 1963/64 auf dem ehemaligen Gelände der Baumwollspinnerei und -weberei. Der riesige Betonklotz, der von der Stadtverwaltung als Beginn der Sanierung Lindens bezeichnet wurde, ließ für die Folgen Schlimmes ahnen. Noch gab es allerdings keinen Massenwiderstand. Viele hofften, dass nach dem Wiederaufbau Hannovers nun auch Mittel in Linden investiert würden. Gegen den Bau des Heizkraftwerkes, der immerhin auf einer Schaufensterseite des Stadtteils erfolgte, wehrten sich nur wenige in Linden-Nord. Doch in den folgenden Jahren wurde immer mehr Lindenerinnen und Lindenern klar, dass ihr Stadtteil immer noch der Hinterhof Hannovers war. Daran konnten auch die Neubauten Fössebad und Freizeitheim Linden nichts Grundlegendes ändern. Der Widerstand der Lindener Bevölkerung formierte sich, als um 1968 Pläne der Verwaltung zum Bau des Ihmezentrums bekannt wurden.
Ihmezentrum
Bernd Rabe beschreibt in seinem Buch "Linden, der Charakter eines Arbeiterviertels vor Hannover" (FackelträgerVerlag 1984) informativ, wie es zu diesem Riesenklotz kam:
Unter dem Eindruck der Veröderung der Innenstadt und der Abwanderung gerade jüngerer Familien in die Trabantenstädte des Umlandes war das städtebauliche Konzept der "Verdichtung" entstanden.
Die Parole hieß: Zurück zur Stadt! Große Verwaltungs- Einkaufs- und "Citywohn" Komplexe sollten entstehen. Ein vorgesehener Standort war der alte Industriegürtel am Ihmeufer, dessen teils verwahrlose Werkshallen in den 60er Jahren durchaus keine Augenweide waren. Horst Schweimler beschrieb die Situation in seiner Stadtteilzeitung "Das Lindenblatt" vom Oktober 1974 so: "Rauchende Schlote, überalterte Werksanlagen und ein Sammelsurium von Betrieben - so sah noch bis in die 60er Jahre die Nahtstelle zwischen Linden und Hannover aus Getrennt durch die Ihme, die den Betrieben als Kühlwasserspender und Transportweg, aber auch als Abwässerkanal diente, zeigte sich von den Ufern her die graue Rückseite des Arbeitstages, Von hier aus ging der berühmte Lindener Samt in alle Welt, wurden Brote in alle Himmelsrichtungen kutschiert; hier wurde Wasser zu Eisstangen gefroren, um als Kühlmittel Leichtverderbliches zu schützen, wurden Steppdecken fabriziert, Backmittel und Essenzen gemixt, Fahrzeuge karossiert und ...und... und..,"
Nach Aufkauf der Betriebsgrundstücke wurde das damals größte innenstädtische Bauvorhaben der Bundesrepublik geplant auch mit der Aufgabe, "eine Verbindung der Stadtteile Lindens mit der Innenstadt herzustellen". Gegen den Widerstand auch der Geschäftsleute von der Limmerstraße und Umgebung, die zu Recht um ihre wirtschaftliche Existenz zu fürchten begannen, entstand von 1971 bis 1976 der gigantische Baukomplex mit "2 Kaufhäusern, ca. 50 differenzierten Einzelhandelsgeschäften, 4 Bankfialen, 11 Gaststätten, 1 Bowlingbahn und ergänzenden Einrichtungen. Unterirdisch liegen ca. 2300 Parkplätze und eine Anlieferstraße. Der Freiraum zum Ufer hin ist als Sitz- und Spielplatz ausgebaut über der Einkaufsebene sind die übrigen Nutzungen gruppiert".
Außerdem beherbergt der Bau Verwaltungen, z.B. der Stadtwerke auf immerhin 63000 qm Fläche, 800 Wohnungen (ursprünglich waren 1200 vorgesehen) für ca. 1600 Einwohner und ein Studentenwohnheim mit ca. 110 Plätzen. Diese "Stadt von morgen im Herzen der Landeshauptstadt", "über den Dächern von Hannover", "romantisch am Ufer der Ihme gelegen", wie sie die "Ihmezentrum-Information" Nr. I pries, wo alles, selbst der Richtkranz (20 Zentner) gigantisch war, beherrschte von nun an optisch den Stadtteil und liegt wie ein Fremdkörper, wie eine Mauer vor Linden, zu dessen gewachsenen Bauformen es überhaupt keine Beziehung hat".
Seit einiger Zeit bemüht sich das Management, dem Ihme-Zentrum ein neues Image zu geben. Bessere Angebote der Geschäfte und statt grauem Beton mehr Farbe, das ist die Blickrichtung.
